Home Jeremy Bentham: Utilitarismus und Liberalismus

 

geschrieben im Winter 1987/88;

gekürzt erschienen unter dem Titel „Viel zu vernünftig“ in „Bilanz“ 5/1988, 189-192

rot = zusätzliche Ausführungen einer nachträglichen Bearbeitung

 

 

Inhalt

Ein verfemter Nützlichkeitsfanatiker

Vier Strömungen laufen zusammen

"Work in Progress"

Der Reformer muss den Menschen kennen

Sanktionen sollen auf das "grösste Glück der grössten Zahl" ausgerichtet sein

Handeln Menschen wirklich im eigenen "Interesse"?

Wer überwacht die Wächter?

Staatlicher Rahmen für freien Wettbewerb

Zu vernünftig oder stupid?

John Stuart Mill

 

Literatur

siehe:   Literatur Wirtschaftspsychologie

              Jeremy Bentham: Werke

              Literatur zu Utilitarismus, Jeremy Bentham, John Stuart Mill

 

Ein verfemter Nützlichkeitsfanatiker

 

Utilitarismus (Abb. 1) wird vielfach als Schimpfwort verwendet. Dabei haben sich schon die Alten Griechen über den "Nutzen" den Kopf zerbrochen. Augustin sah ihn als "göttliche Vorsehung", Thomas von Aquin zusätzlich als Orientierungsprinzip aller höheren Lebewesen. Der Hl. Thomas stellte nüchtern fest, dass die Menschen die meisten Handlungen auf irgendeinen Nutzen ausrichten.

Der Humanismus der italienischen Renaissance verband dann Nutzen einerseits mit Freude oder Lust, anderseits mit dem Gemeinwohl. Mann kann Lorenzo Valla (1431) und Leon Battista Alberti als Begründer des frühen Utilitarismus bezeichnen.

 

Mit dem Beginn der Neuzeit rückten die menschlichen Bedürfnisse, Gefühle und Bewertungen ins Blickfeld, und zwar in der Psychologie ebenso wie in der Ökonomie. Als Vorläufer der subjektiven Wertlehre gilt Bernardo Davanzati (1588). Hundert Jahre später entwickelten Nicholas Barbon und John Locke unter anderem neue Wert- resp. Nutzentheorien und entdeckten den Mechanismus von Angebot und Nachfrage.

 

Jeremy Bentham (1748-1832) griff also nur viele frühere Ansätze auf und systematisierte sie. 1789 erschien seine "Introduction to the Principles of Morals and Legislation", die Grundlage des modernen Utilitarismus. Mit Adam Smith (1759/76) gehört Jeremy Bentham auch zu den Vätern des Liberalismus. Seine Vorschläge scheiterten, weil sie zu "vernünftig" waren. Die Nachwelt flocht ihm keine Kränze.

 

Die Lebenszeit von Jeremy Bentham deckt sich mit derjenigen Goethes. Bentham kommt genau wie Mandeville weder in den herkömmlichen Psychologiegeschichten noch in den Geschichten der Wirtschaftstheorie vor - ausser vielleicht in einem Satz oder Satzteil. In J. C. Flugels Klassiker "Hundert Jahre Psychologie" (1933, dt. 1950) wird er in einem Satz als "vergnügnungssüchtig" abgetan, und Jaeger/ Staeuble (1978) erwähnen nur sein Inspektionshaus "unter dem Aspekt der Nützlichkeitsmaximierung"; Schneider (1985) und Ott/ Winkel (1985) widmen ihm ein paar Zeilen mit Pauschalurteilen. Die Soziologen kennen ihn ebenfalls nicht. Bezeichnend ist auch, dass es von ihm keine deutsche Biographie gibt und die Übersetzungen seiner Schriften über 150 Jahre alt sind.

 

Mit seiner wissenschaftlichen Begründung der ökonomischen Psychologie hat sich Bentham also zwischen Stuhl und Bank gesetzt. Erst seit dem Zweiten Weltkrieg wendet man ihm vermehrt Interesse zu. G. W. Keeton/ G. Schwarzenberger (1948), John Plamenatz (1949) und David Baumgardt (1952) machten den Anfang.

 

Vier Strömungen laufen zusammen

 

In Bentham kommen zahlreiche grosse geistige wie praktische Strömungen zusammen: Rationalismus und Empirismus, Mathematisierung und Sensualisierung, Moralphilosophie und Reformismus.

 

1. Der Empirismus: Da für Bentham alle Gewissheit in der "sinnlichen Gewissheit" gründet, ist er von Anfang an mit dem Psychologismus behaftet gewesen, ja er unterscheidet nicht hinlänglich zwischen Logik und Psychologie (G. Gawlick, 1980, 11f, 16).

In der Ethik zählt Humes Lehre zum "Psychologismus" (H. Delius 1967, 48, 58-60); Adam Smiths "Theorie der ethischen Gefühle" enthält Beiträge zur "Moralpsychologie" (G. Gawlick, 1980, 217).

 

2. Der Reformismus: Der Wunsch nach Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, der vor allem von den französischen Empiristen (Sensualisten) ausgesprochen wurde. Ein wichtiger Faktor ist dabei die Erziehung. Freilich geht es auch dem Rationalismus als kritisierender Vernunft (Aufklärung) ähnlich um Befreiung von Dogmen und bestimmten Massnahmen der Institutionen (R. Specht, 1979, 19f, 265f).

 

3. Die Moralphilosophie: Sie fragt, was für die moralische Beurteilung einer Handlung oder Charaktereigenschaft ausschlaggebend ist. Gleichermassen interessiert sie sich auch für die "condition humaine" und die Würde des Menschen.

 

4. Die Mathematisierung: Sie kommt vom Widerpart des Empirismus, vom Rationalismus (seit Descartes und Spinoza) her. Allerdings vertraten später auch manche französischen Empiristen (Condillac, Condorcet) den aus der Renaissance stammenden "ésprit de géometrie".

 

Bentham war also beileibe kein Einzelgänger und auch kein Umstürzler. Er hat nur vieles aufgegriffen und zusammengeführt, was in der Luft lag.

 

"Work in Progress"

 

Was die Beurteilung seiner Leistung so schwierig macht, ist mehreres:

-          Er hat wenig publiziert, und auch meist nicht seine besten oder wichtigsten Stücke. Das lag daran, dass er Tag für Tag 10 bis 15 Seiten schrieb; als er mit 84 Jahren starb, hinterliess er 70'000 Blätter. Meist ging er sogleich nach dem Druck eines Werkes daran, einzelne Kapitel mehrfach neu zu bearbeiten, woraus sich vielhundertseitige Manuskripte ergaben, die er dann liegen liess oder seinen Herausgebern überliess.

-          Die Übersetzungen seiner Publikationen wurden verfälscht, seine Zeugnisse in der unvollständigen Gesamtausgabe von 1838-43 ebenfalls. Seine Nachfolger interpretierten ihn einseitig.

-          In hastig geschriebenen Pamphleten malte er oft schwarzweiss.

 

Mit sieben Jahren las er Fénelons "Télémaque" (1699). Darin entdeckte er das Ideal der "Gerechtigkeit". Die Moralphilosophie des Schriftstellers Samuel Johnson irritierte ihn. Aber der Spruch von Horaz (der freilich auf Solon zurückgeht) faszinierte ihn: "Sperne voluptates, nocet empta dolores voluptas."

Noch als Kind las er von Hume den Essay: "Why Utility Pleases." Von Hume übernahm er die grundlegende Unterscheidung von Ist und Soll: Was die Menschen tun, ist nicht dasselbe wie das, was sie tun sollten. Hume bezog sein "Prinzip der Nützlichkeit" auf ersteres, Bentham auf letzteres.

 

Mit 20 Jahren entdeckte er bei Priestley die Formel "the greatest happiness of the greatest number" (1768; Abb. 2). Dies war sein Heureka-Erlebnis.

Ein Jahr darauf las er von Helvétius "De l'ésprit" (1758). Darin entdeckte er die Bedeutung des "Genius", des Schöpferischen. Allein dieses erlaubt, auf Grund aller Kenntnisse von dem, was ist, langsam zu dem zu gelangen, was sein soll. Seine erste grössere Publikation, mit 28 Jahren, war die kritische Analyse eines Abschnitts aus dem berühmten Werk des Rechtsprofessors Blackstone. Schon seit seinem 15. Altersjahr hatte er im Gericht die Menschen und Richter beobachtet: Er erkannte die Notwendigkeit von Reformen, aber auch, was die Menschen treiben und - treibt.

 

Er erhob keinen Originalitätsanspruch für sein "Principle of Utility". 1782 schrieb er, er verdanke es Epikur, Karneades, Horaz, Helvétius, Beccaria. Während der ganzen 70er Jahre hatte er Tausende von Seiten darüber geschrieben. Daraus stellte er die "Einleitung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung" zusammen. Das kleine Werk liess er 1780 zwar drucken, doch erst neun Jahre später gab er die wenigen Exemplare, die nicht von Wasser oder Ratten angefressen waren, mit einem neuen Vorwort heraus.

 

Nach den Erfahrungen eines zweijährigen Russlandaufenthaltes lernte Bentham die Theorien von Adam Smith schätzen, und er verwertete sie in seinem ökonomischen Pamphlet "Verteidigung des Wuchers" (1787). Eine leicht regulierte Marktwirtschaft unter dem Wettbewerbsprinzip sollte in allen Lebensbereichen gelten, sogar für Beamte und Professoren.

Ein weiterer Ertrag der Russlandreise war der Entwurf des "Panopticons". Diese vorbildliche Strafanstalt sollte sowohl den Betreibern ("Unternehmern") wie den Gefangenen zum Nutzen gereichen. Dank dem kreisförmigen Grundriss konnten die Wärter von der Mitte aus alle Zellen überwachen. Eine strenge Arbeitspflicht für die Gefangenen sollte "Bösewichter ehrenhaft und faule Menschen fleissig" machen. Zusammen mit seinem Bruder steckte Jeremy Bentham 10'000 Pfund in das Projekt und kämpfte 20 Jahre vergeblich dafür.

 

Die Berge von Manuskripten, teilweise auch in französischer Sprache, die er mittlerweile angehäuft hatte, gab er seinem Freund Etienne Dumont (einem Genfer Priester und Erzieher), der in jahrelanger Arbeit hieraus  die bekannten "Traités de législation civile et pénale" (1802; dt. 1830) und weitere Texte (1811-28) zusammenstellte. Einen weiteren Riesenhaufen verarbeitete der junge John Stuart Mill (in einem Cottage auf dem Besitz von Bentham im Herzen Londons aufgewachsen) zu fünf Bänden "The Rationale of Judicial Evidence" (1827). Eine Fülle von Gedrucktem und Ungedrucktem vereinigte schliesslich posthum John Bowring zu den elfbändigen "Works" (1838-43).

 

Zuverlässige Texte bieten erst die von Werner Stark (1952-54) herausgegebenen ökonomischen Schriften und die seit 1968 erscheinenden "Collected Works".

 

Der Reformer muss den Menschen kennen

 

Die Literatur über Bentham ist gross und weitgehend irreführend. Erst 1983 hat Ross Harrison den Dschungel gelichtet. Er betont, dass Bentham in erster Linie ein Reformer war. Seine Lebenserfahrung und seine theoretischen Analysen der Gerichtspraxis sowie des politischen und religiösen Lebens führten ihn zur Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Daran anknüpfend, macht er unzählige konstruktive Vorschläge.

 

Er war enorm  belesen und korrespondierte mit den französischen Aufklärern. Mit der "Vernunft" müssen schlechte Gewohnheiten, Vorurteile und Aberglauben überwunden werden. Das erfordert Klärungen und Begründungen. Harrison zeigt mit grosser Akribie, wie Bentham solche leistete.

 

Ein wichtiger Ansatzpunkt ist die Unterscheidung von Sein und Sollen: Für jeden, der nicht trennen kann zwischen dem, "what has been done from what ought to be done", ist das ganze Feld der Ethik ein Labyrinth ohne Schlüssel. Diese Unterscheidung ist nicht nur theoretisch wichtig, sondern auch von praktischer Bedeutung. Sie erlaubt nämlich die Reform bestehender Institutionen - wenn sie nicht so sind, wie sie sein sollten.

Der Schlüssel zur Beurteilung ist das "Prinzip der Nützlichkeit". Dieses kann auf zwei Seiten gedreht werden:

(1)   Es dient zur Beschreibung dessen, was die Menschen üblicherweise tun, nämlich ihr Glück "happiness" suchen.

(2)   Es dient als Norm für den Gesetzgeber: Das grösste Glück der grössten Zahl soll gefördert werden. Ziel der Reform resp. des Staates ist also, "das Gebäude der Glückseligkeit (felicity) durch Vernunft und Recht zu errichten".

 

Sanktionen sollen auf das "grösste Glück der grössten Zahl" ausgerichtet sein

 

Die zweite Drehrichtung des Schlüssels interessierte Bentham mehr als die erste. Aber damit der Gesetzgeber der Norm Genüge tun kann, muss er die Menschen kennen. Weil diese nun aber gerade das Glück suchen, kann er die Gesetze derart aufstellen, dass sie zum grössten Glück für alle führen.

Das heisst: Der Mensch ist so zu nehmen wie er ist, und mit ihm soll die Gesellschaft so gestaltet werden, wie sie sein sollte. Das ist eine praktische Aufgabe. Wer dazu beiträgt, ist im Sinne von Helvétius ein Genie, ein Erfinder oder Entdecker. Seine Werkzeuge sind Sanktionen (Belohnung und Bestrafung). Richtig gewählt, führen sie dazu, dass für den einzelnen Menschen Neigung (interest) und Pflicht (duty) zusammenfallen.

 

Der Staat als gigantischer Manipulationsapparat zum Wohle aller? Das ist beängstigend und faszinierend zugleich. Alle sollen zu ihrem Glück kommen, aber dazu braucht es Sanktionen. Die völlig freie Entfaltung des Menschen wird also behindert.

Aber entfaltet er sich je frei, vor allem in einer Gesellschaft die "nicht so ist, wie sie sein sollte"? Sanktionen in der Erziehung und im Gemeinschaftsleben sind ja immer da. Aber sie sollten sinnvoller sein, d. h. in Richtung auf das grösste Glück der grössten Zahl gehen. Demnach braucht es doch den Sozialingenieur.

 

Handeln Menschen wirklich im eigenen "Interesse"?

 

... Bemerkenswert an Benthams Vorschlag ist, dass er nicht auf Moral, Tugend, das Gute und dergleichen zurückgreift. Vielmehr ist es das reale Verhalten der Menschen, das ausgenützt werden muss. Wie Harrison nachweist, sieht es Bentham weitaus differenzierter als allgemein behauptet wird. Bentham nimmt an, die Menschen handelten gemäss dem, was sie für ihre eigenen "Interessen" halten und verfolgten dabei ihr "Glück". Dieses besteht darin, möglichst viel Freude (pleasure) zu haben und Leid (pain) möglichst zu vermeiden.

Es gibt ganz verschiedene Freuden und Leiden, und jeder Mensch sieht sie etwas anders. Was verschafft Freude? Was die Eigenschaft der "Nützlichkeit" aufweist. Die Definition lautet: "Unter Nützlichkeit (utility) ist jene Eigenschaft an einem Objekt zu verstehen, durch die es dazu neigt, Gewinn (benefit), Vorteil (advantage), Freude (pleasure), Gutes (good) oder Glück (happiness) hervorzubringen oder die Gruppe, deren Interesse erwogen wird, vor Unheil, Leid, Bösem oder Unglück zu bewahren."

 

Obwohl jeder seine Interessen selber am besten beurteilen kann, gibt es immer wieder Fälle, wo er sich darüber nicht im klaren ist. Da können ihm Fachleute helfen: Deontologen. Das sind solche, die nach Konsequenzen forschen. Sie können dem irrenden Menschen "eine Skizze der wahrscheinlichen Zukunft" vor Augen führen, die korrekter und vollständiger ist, als er sie selber zeichnen kann. Das geschah bisher von Moralaposteln in Schulmeistermanier. Bentham möchte demgegenüber, dass das durch Überzeugen (persuasion) geschehe.  Der Lebensberater zeigt den Menschen, was in ihrem Interesse liegt.

 

Bentham bestreitet keineswegs, dass Menschen auch im Interesse anderer handeln. Er hat viel über "sympathy" geschrieben, also vom Wunsch,  andern Gutes zu tun, zu helfen, von Mitleid, Patriotismus und Freundlichkeit. Aber: (1) Das kommt nicht so häufig vor, und: (2) Es hängt meist von einer Laune ab. Genauso das Gegenteil: die Antipathie. Deshalb nennt er das "Prinzip der Sympathie und Antipathie" sehr anschaulich "the principle of caprice".

Kaprizen aber sind keine tragfähige Grundlage für den Aufbau eines sinnvollen Staatswesens. Man muss darauf abstellen, was die Leute meistens tun, und das ist: ihren eigenen Vorteil verfolgen.

 

Wer überwacht die Wächter?

 

Daran kann der Gesetzgeber anknüpfen. Wenn er ein guter Psychologe ist, kann er ein System von Sanktionen aufstellen, das dahin wirkt, dass jeder einzelne durch sein Verhalten zum "grössten Glück der grössten Zahl" beiträgt. Diese "grösste Zahl" meint die Menschen, über die er Kontrolle hat.

Das ist nicht die ganze Menschheit. Doch hatte Bentham auch diese im Auge. Immerhin erfand er den Begriff "international" und entwarf ein Völkerrecht, dessen höchstes Ziel ist: "the greatest happiness of all nations taken together".

 

Bentham hat weder die einzelnen Bürger noch Politiker und Beamte idealisiert. "Quis custodiet ipsos custodes?" - Wer überwacht die Wächter? - hat ihn immer wieder beschäftigt, und er hat auch Modelle dafür entwickelt: etwa eine Art Management-Vertrag oder allgemeines Wahlrecht, repräsentative Demokratie und - als besonders wirkungsvoll - die Kontrolle durch die öffentliche Meinung.

 

Letztere bildet auch ein wichtiges Sanktionsmittel für das private Verhalten. Sie übt einen "moralischen Druck" aus. Wenn jemand seinen guten Ruf (reputation) behalten will, richtet er sich nach dem aus, was die andern von ihm erwarten. Freilich entspricht auch die allgemeine Moral nicht immer dem Prinzip der Nützlichkeit. Bentham fordert daher eine "Kultur des Wohlwollens" (culture of benevolence).

Der Askese und dem Opfer ist er abgeneigt: "In praktischen Belangen ist es niemals eines Menschen Pflicht zu tun, was nicht sein Interesse ist."

 

Staatlicher Rahmen für freien Wettbewerb

 

Bentham hat sich stets um strenge theoretische Analysen und saubere Definitionen bemüht und eingehende sprachlogische Erörterungen verfasst, doch seine Absichten waren pragmatisch. Daher hat er auch handhabbare Regeln aufgestellt und Ratschläge gegeben.

Um 1785 las er Adam Smith sehr genau und empfahl dessen Wettbewerbsprinzip auch für die öffentliche Verwaltung. Da er Smiths Auffassung der natürlichen Interessenharmonie - durch die "invisible hand" - jedoch nicht teilte, sah er die Aufgabe des Staates in Setzen von gesetzlichen Rahmenbedingungen. Schon Smith hatte drei weitere Aufgaben vorgesehen: Landesverteidigung, Rechtssprechung und gewisse öffentliche Arbeiten und Institutionen. Bentham ging noch etwas weiter und schlug vor, auch "externalities" durch Steuern oder Abgaben zu regulieren.

 

Bentham war aber eher Sozialreformer als Interventionist auf ökonomischem Gebiet. Er meinte, Unternehmer verstünden mehr von Finanzen und Industrie als Parlamentarier. Man solle deshalb die Wirtschaft möglichst in Ruhe lassen. "Be quiet" müsse daher die Devise für den Staat lauten - solange nicht genaue, empirische Untersuchungen nachweisen, dass ein Eingriff (inference) zum Besseren nötig ist.

 

Zu vernünftig oder stupid?

 

Bentham hat seine Vorschläge einmal als utopisch bezeichnet. Sie scheiterten, weil sie zu "vernünftig" waren. Bentham war ein Aufklärer. Sein System basierte auf Sinn statt Wortgeklingel (sense instead of sound), Vernunft statt Kaprize, Licht statt Dunkelheit.

 

Nach Benthams Tod (1832) ging die Hetze gegen den Utilitarismus richtig los.

Emerson nannte ihn eine "stinkende Philosophie", Marx eine "bürgerliche Stupidität", Nietzsche "unmöglich" und Keynes "den Wurm, der an der Innenseite der modernen Zivilisation nagte" (diese Kennzeichnungen wurden auch im Vorspann des Bilanz-Artikels verwendet).

Noch in der Neuausgabe der Schrift "Utilitarismus" (1861/63) von J. S. Mill, 1976 bei Reclam, schrieb der Herausgeber von der "kruden Lust-Unlust-Theorie".

 

John Stuart Mill

 

Bald nach der Geburt von John Stuart Mill (1806) mietete dessen Vater James ein kleines Cottage auf dem Anwesen Benthams im Herzen Londons. Vater und Sohn Mill machten des Meisters Werk politisch fruchtbar und populär, wenn sie auch mitunter ein verfälschtes Bild gaben. Beide taten sich als Psychologen und Ökonomen hervor.

 

John Stuart Mill formulierte 1848 das hedonistische Prinzip: Jeder Mensch strebt, mit einem Minimum an Arbeit und Opfern, ein Maximum von Gütern, von Glück und Reichtum zu ereichen.

 

Bentham selber hatte vorher schon (1834) in seiner "Deontologie" (der Lehre vom Seinsollenden) eine Handlungstheorie entwickelt: Die "Stimulantien" zum Handeln sind die Sanktionen, welche das Gegengewicht zu den Versuchungen abgeben, und zwar als Vorstellungen strafender oder lohnender Faktoren.

 

Der Behaviorismus (Watson 1913, 1925) und die moderne Entscheidungstheorie seit dem Zweiten Weltkrieg sind nicht weit darüber hinaus gekommen. Und neuerdings spricht man auch wieder von "Hedonismus": Gut ist das, wozu ich Lust habe, was mir Spass macht. Ich tue und nehme mir, was mir passt.

 

John Stuart Mill beschreibt in seiner Autobiographie (1873) einen psychischen Wendepunkt seines Lebens. Er dachte, das Ziel des Lebens müsse sein, glücklich zu sein. Und er versuchte es auf alle möglichen Weisen.

 

"Nie war ich in der Überzeugung schwankend geworden, dass Glücklichsein der entscheidende Test aller Verhaltensregeln sei und der Zweck des Lebens. Aber jetzt überlegte ich, dass man dieses Ziel nur erreichen könne, wenn man es nicht direkt anstrebt.

Nur die sind glücklich (so dachte ich), die ihren Sinn auf etwas anderes gerichtet haben als auf ihr Glück; auf das Glück anderer, auf die Besserung der Menschheit oder auf irgendeine Kunst, irgendein Vorhaben, das sie nicht als Mittel verfolgen, sondern in sich selbst als idealen Zweck. Auf etwas anderes zielend, finden sie beiläufig Glück."

 

Diese Erfahrungen verdichten sich schliesslich zu einer Formel: "Frage dich, ob du glücklich bist, und du hörst auf, es zu sein. Die einzige Chance ist, nicht das Glücklichsein, sondern irgendeinen anderen Zweck als das eigentliche Lebensziel zu behandeln."

 

 

Bebilderungsvorschläge (nicht verwendet)

 

Bilder im Buch von Mary Peter Mack: Jeremy Bentham. An Odyssey of Ideas. 1748-1792. London: Heinemann 1962.

 

1. Portrait vor dem Titel (ist eines der gängigen)

 

Jeremy Bentham (1748-1832), Sohn eines Londoner Anwalts, bezog mit 12 Jahren als jüngster Student das Queen's College in Oxford.

Bald lernte er in den Gerichtssälen die unsinnigen Gesetze wie auch die Schwächen der Menschen - als Richter wie Übeltäter - kennen. Daher praktizierte er kaum als Anwalt, sondern unternahm zeitlebens Vorstösse für die radikale Reform der Gesetze sowie der politischen und wirtschaftlichen Systeme.

Über 60 Jahre arbeitete er acht bis zwölf Stunden im Tag als Projektemacher und Privatgelehrter. Er hinterliess 70'000 Manuskriptseiten.

 

2. Oberes Bild gegenüber S. 83

Ein Gerichtssaal in Westminster Hall. Hier beobachtete und analysierte Bentham jahrelang das Treiben der Menschen und seine Folgen.

 

3. Bild gegenüber S. 50

Schon als junger Mann hatte Bentham seine sterbliche Hülle testamentarisch medizinischen Zwecken zugedacht - "damit die Menschheit auch von meinem Hinschied ein bisschen Nutzen hat".

Nach der Sektion wurde der Körper in einer Kabine im University College London aufgestellt. Da sein Schädel so grässlich aussah, wurde er ihm zu Füssen gelegt und durch einen Kopf aus Wachs ersetzt.

 

Weitere Bilder:

 

Bild Panopticon entweder aus Time-Life Buch von Peter Gray:  „Zeitalter der Aufklärung“ 1967, S. 108 oder vom Buchumschlag des ital. Buches.

 

Nach ihrer Russlandreise entwarf Bentham mit seinem Bruder das Panopticon, eine nutzbringende Strafanstalt - für den "Unternehmer" wie für die Gefangenen, die arbeiten sollten.

Die Brüder steckten 10'000 Pfund in das Projekt und kämpften 20 Jahre vergeblich dafür.

Siehe: Michel Foucault, Jean-Pierre Barou, Michelle Parrot: Jeremy Bentham. Le Panoptique. Paris: Belfond 1977.

 

Bentham las schon als Kind die Schriften von David Hume (1711-1776). Von ihm übernahm er die grundlegende Unterscheidung von Ist und Soll: Was die Menschen tun, ist nicht dasselbe, was sie tun sollten. Hume bezog sein `Prinzip der Nützlichkeit" auf ersteres, Bentham auf letzteres.

 

Dank den Erfahrungen eines zweijährigen Russlandaufenthalts lernte Bentham die Theorien von Adam Smith (1723-1790) schätzen und verwertete sie in seinem ökonorischen Pamphlet "Verteidigung des Wuchers" (1787). Eine leicht regulierte freie Marktwirtschaft unter dem Wettbewerbsprinzip sollte in allen Lebensbereichen gelten, sogar für Beamte und Professoren.

 

Etienne Dumont (1759-1829)

Der Genfer Priester war von 1786-89 Sekretär des grossen Förderers Benthams, des Marquis of Lansdowne (= Earl of Shelburne = William Petty). 1793-1803 erzog er dessen Sohn Henry Petty.

Dumont reiste viel herum, liess sich aber schliesslich wieder in Genf nieder, wo er unter anderem Präsident der Genfer Sektion der "Societe suisse d'Utilité publique" war.

Biographie von Jean Martin: Etienne Dumont 1759-1829. L'ami de Mirabeau, le voyageur, le patriote genevois. Neuchâtel: Editions de la Baconnière 1942.

 

John Stuart Mill (1806-1873) wuchs in einem Cottage auf dem Besitz von Bentham auf. Mit 19 Jahren gab er das erste Werk des Meisters heraus. Später popularisierte und verwässerte er den Utilitarismus.

 

"Utilitarianism ... could only attain its end by the general cultivation of nobleness of character."

John Stuart Mill 1863, II, 16

 

 

(Der ganze Text wurde im Juni 1989 auch an die „Neue Zürcher Zeitung“ geschickt; er kam zurück mit einem Begleitbrief des Feuilletonchefs:

„Was Sie über Bentham sagen, ist gewiss ganz zutreffend, wenn auch anderseits keineswegs neu. Dann aber vermisst man doch die Distanznahme, das abwägende Urteil aus heutiger Sicht; da dieses kritische Moment sich nicht einstellt, wirkt der Text – vielleicht unbeabsichtigt – apologetisch; als wüsste man auch in der Gegenwart kaum etwas Besseres als eben eine Philosophie des Nutzens. Und so ist es ja nun wirklich nicht.“)

 



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