Home Der Mechanismus der Zeitumkehr brachte die Evolution hervor

 

Notiz im Herbst 1972

 

Es gibt eine Auffassung, wonach das Kind als Greis auf die Welt kommt und dann zunehmend jünger, wird, bis es tatsächlich als Kind, hilflos, naiv und ernüchtert stirbt. Eine andere Auffassung sieht in der Menschheitsgeschichte ähnliches: Die junge Generation ist stets die ältere.

Demnach kommt es auf die Blickrichtung an. Das haben Dichter und Biochemiker bemerkt. Nehmen wir als Vertreter der letzteren den Nobelpreisträger Jacques Monod. Er schreibt in seinem Forschungsbericht "Zufall und Notwendigkeit" (1971, 154):

"Es ist in der Tat berechtigt, die Irreversibilität der Evolution als Ausdruck des Zweiten Hauptsatzes in der belebten Natur zu betrachten."

 

Da Thermodynamik wie Evolution als statistische Phänomene betrachtet werden können, enthüllen sie sich als urumkehrbare Prozesse, durch die eine Richtung in der Zeit festgelegt wird. Hiermit ist ein unvermeidlicher Energieverfall verbunden; arbeitsfähige Potentialunterschiede werden aufgehoben und das System wird träge; die Unordnung nimmt zu - ihr Mass ist bekanntlich die Entropie.

Die Entropiezunahme kann durch eine Zufuhr negativer Entropie ausgeglichen werden. Diese Negentropie könnte man mit "Information" vergleichen. Solche "neuen" Informationen sind im Bereich des Lebens die zufälligen Rekombinationen und Mutationen. Sie werden im Replikationsmechanismus der Desoxyribonukleinsäure, der bekannten Doppel-Helix von Watson und Crick, eingefangen und reproduziert und durch den Vorgang der Selektion festgehalten.

 

"Die selektive Evolution ist in der Auswahl jener seltenen, kostbaren Störungen begründet, die unter einer Unzahl anderer gleichfalls in dem riesigen Vorrat des mikroskopischen Zufalls enthalten sind; sie stellt in diesem Sinne eine Art Maschine dar, mit der man in der Zeit zurückgehen kann. Dieser Mechanismus der Zeitumkehr brachte als Ergebnis die allgemein aufsteigende Tendenz der Evolution und die Vervollkommnung und Bereicherung des teleonomischen Apparates hervor. Es ist nicht erstaunlich, sondern im Gegenteil ganz natürlich, dass dies einigen als wundersam, anderen als paradox vorkam ... Das kommt mindestens zum Teil von der ungeheuren Schwierigkeit, sich den unerschöpflichen Reichtum der Zufallsquelle vorzustellen, aus der die Selektion schöpft" (Monod, 1971, 155).

 

Die zweite Erkenntnis der modernen Biochemie oder Molekularbiologie betrifft den im Zitat erwähnten teleonomischen Apparat der Zellen wie der Organismen. Dass er vorwiegend auf allosterischen Wechselwirkungen von Proteinmolekülen beruht, welche ganz spontan ein autonomes Aufbau-, Regelungs- und Steuerungssystem einrichten, braucht uns hier wenig zu kümmern. Doch wegen dieser Selbständigkeit des teleonomischen Apparats müssen wir das Bild korrigieren, dass es vorwiegend die Umweltbedingungen seien, welche den härtesten Auslesefaktor darstellten.

 

Nicht der "Kampf ums Dasein" beispielsweise innerhalb einer Art, sondern, eben statistisch, die unterschiedliche Vermehrungsrate ist der entscheidende Auslesefaktor. Der Selektionsdruck wirkt also nur im Rahmen der Population, nicht aber auf das einzelne Individuum. Dennoch kommt es, und je höher das Organisationsniveau und damit die Autonomie der Lebewesen ist umso mehr, darauf an, wie sie sich verhalten. Die "freie" Entscheidung für diesen oder jenen Verhaltenstypus hat die "gossen Schöpfungen der Evolution" zur Folge.

So entschloss sich beispielsweise ein Urfisch, das Festland zu erforschen und bereitete so die Eroberung der Landmasse für die vierfüssigen Wirbeltiere vor. Oder der Vorfahre des Pferdes beschloss, statt einen Angreifer abzuwehren zu fliehen, weshalb die heutige Art auf der Spitze eines einzigen Fingers läuft. Dass das weitere Schicksal der Menschheit ausschliesslich von seinem eigenen Verhalten abhängt, dürfte nachgerade bekannt sein.

 

Die Umwelt ist also am Vorgang der Evolution von Arten - nicht Individuen - weniger beteiligt als die Struktur und Leistung des autonomen chemischen Apparats, welcher das Verhalten steuert.

"Wie der teleonomische Apparat funktioniert, wenn eine Mutation zum erstenmal zum Tragen kommt, das ist die hauptsächliche Ausgangsbedingung dafür, ob der aus dem Zufall geborene Versuch zeitweilig oder endgültig angenommen oder verworfen wird. Die Selektion erfolgt nach der Beurteilung der teleonomischen Leistung, die ein Gesamtausdruck aller Eigenschaften des Netzes von Aufbau- und Regelungswechselwirkungen ist. Deshalb hat es den Anschein, als führe die Evolution ein 'Projekt' aus" (Monod, 1971, 150f).

 

Das Gesagte mag wiederum paradox klingen. Das liegt an der Verschränkung von Zufall und Notwendigkeit. Eine zufällige Mutation oder eine zufällige Entscheidung eines einzigen Organismus gerät in doppelter Hinsicht in die Fänge der Notwendigkeit: Die eine ist der chemische Mechanismus, die andere die Vermehrungsrate der Population.

Selbstverständlich sind die Lebensbedingungen nicht zu vernachlässigen - worunter extreme Temperaturen und Niederschlagsverhältnisse …

 

 


Return to Top

Home

E-Mail



Logo Dr. phil. Roland Müller, Switzerland / Copyright © by Mueller Science 2001-2016 / All rights reserved

Webmaster by best4web.ch