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Schluss einer „Textinterpretation zur Wissenschaftstheorie und Methodologie“ in einem Soziologischen Seminar, 30.5.1969 rot = handschriftliche Ergänzungen aus der selben Zeit auf einem Durchschlag
A.) Wissenschaft (episteme; scientia)
ist – im Unterschied zu Meinung und Glauben - eine geistige Anstrengung des Menschen, bei Befolgung gewisser Regeln (Sorgfalt, Geduld, Redlichkeit; Offenheit, Vollständigkeit; Menschenrechte, Verfassungen) präzise und sichere, begründete und sinnvolle Aussagen (z. B. im Falle der Soziologie über gegenseitiges menschliches Verhalten) machen zu können, zu zwingender und allgemeingültiger (universaler, gewisser und wahrer) Erkenntnis zu gelangen, eine „Durchdringung der Wirklichkeit“ zu erreichen.
Gegenstandsbereich - Sprache - Problemstellung - Methode
Die Wissenschaften sind partikular (vereinzelt, spezialisiert), d. h. jede Wissenschaft hat einen genau angebbaren (je besonderen, spezifischen, begrenzten) Gegenstands- oder Objektbereich (auch: Perspektive – oder vage, umfassend vorausgesetztes Ganzes, oder: Wissenschaft und Gegenstand (Bereich) bestimmen sich gegenseitig, d. h. der Bereich ist nicht vorgegeben), eine besondere Sprache (Terminologie, analytischer Begriffsapparat) und Problemstellung sowie je besondere eigene Methoden (als Bezug zum Gegenstand). Das besagt: Gegenstand, Fragestelliung und Methode entsprechen einander (d. h. dass z. B. die „Antworten“ eines befragten Gebietes methodenspezifisch sind; d. h. die Forschungsmethode ist abhängig von der Struktur des Zuerkennenden).
Zu mehr oder weniger allen Wissenschaften - Geistes- (eher vergangenheitsgerichtet) oder Kultur- wie Naturwissenschaften (eher zukunftsgerichtet) - gehören die allgemeinen Methodenklassen (Einheit der Logik des Vorgehens):
Weitere Methoden sind: geisteswissenschaftliche, historisch-hermeneutische, naturwissenschaftliche, empirisch-analytische, kombinierte (Differentialdiagnose), genetische, funktionelle, morphologische, monographische, thematische, dynamische, statistische, kybernetische, strukturalistische, idealtypische, etc.
Was die Wissenschaften heute am ehesten unterscheidet, ist die je besondere Erkenntnisabsicht.
Eine Theorie beruht auf Beobachtung und Schluss
Wissenschaft ist mehr als ein Zusammentragen von Fakten; ihr Ziel ist die Theorie, welche einen mehr oder weniger komplexen Zusammenhang (Kombination) von empirisch (von der Erfahrung her) nachprüfbaren Wenn-dann (so)- oder Je-desto-Sätzen (Urteilen) darstellt, die sich auf Klassen von Ereignissen beziehen.
Dieses System, diese
und muss intersubjektiv (Consensus; durch interpersonelle, öffentliche Diskussion, Argumentation) kontrollierbar (bewährbar), d. h. verifizierbar (Bestätigung; Rudolf Carnap spricht genauer von „Bestätigungsgraden“) oder falsifizierbar sein: Falsches wird widerlegt (Objektivität; Exaktheit).
Theorien zum Erfassen, Voraussagen und Anleiten
Mit der Theorie (oder einem Modell, Analogon) lassen sich Abläufe (d. h. das Verhalten von Gegenständen eines Bereichs; Erscheinungen), Ordnungen, Regelmässigkeiten oder Gesetzmässigkeiten (Prinzipien) erfassen, begreifen, d. h. beschreiben (Diagnose, Abbild des Bestehenden, Deskription), rekonstruieren und möglicherweise (Gerald Holton) erklären sowie Voraussagen (Auguste Comte: „voir pour prévoir“; auch der Physiker Heinrich Hertz; Prognosen z. B. über den Fortbestand von Entwicklungstendenzen) machen und Anleitungen (Empfehlungen) für praktisches Handeln (Steuerung, Regelung, Optimierung, Prävention und Therapie, Verfahrenspläne, Alternativen, Beratung bei politischen Entscheidungen (auch für Wirtschaft und Verwaltung)), "Was kann – nicht: soll - man machen“, d. h. Angabe von Mitteln, nicht Zielen; dennoch Zielvorstellungen und Umsetzung in „Technik“) geben.
Das alles allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen (Prämissen, z. B. Axiome,
„zulässige Unkenntnis“, Vorurteile, z. B.
Verstehen und Erklären
Bezüglich Verstehen und Erklären (seit Wilhelm Windelband, Heinrich Rickert und Wilhelm Dilthey) ist zu bemerken (Hans Reichenbach, 1928/38), dass beide auf ganz verschiedenen Ebenen liegen.
Hierbei werden vorerst mittels des Verstehens (des „subjektiv gemeinten Sinns“, Max Weber; des
Sinngehalts; Auslegung, Deutung, Interpretation) Hypothesen (begründete
Unterstellungen, Annahmen, Antizipationen als „empirisch gehaltvolle Aussagen“
sowie Modelle) gebildet
Wissenschaft ist das System nomologischer Hypothesen
Kurz: Wissenschaft – als „Theoretisierung eines Emotionellen“ (Theodor Geiger) – ist bestrebt, das Verhalten von Gegenständen (Phänomenen) eines bestimmten Bereiches zu beschreiben mit Hilfe von Gesetzen (Grundsätzen) zu erklären bzw. vorauszusagen. Eine Hypothese wird universell, d. h. ein Gesetz, wenn unter bestimmten Bedingungen dieselbe Erscheinung immer wieder auftritt.
In diesem Sinn ist Wissenschaft (nach Hans Albert): die Gesamtheit der logisch untereinander verbundenen (= System) nomologischen (allgemeinen, von raum-zeitlichen Prämissen abstrahierten, also gesetzmässigen) Hypothesen.
Bewertung – Sinn - Bewusstsein
Fragen der Wertschätzung und Bewertung (Werturteil; Standpunkt) sowie von Sinn, Ziel, Zweck (erkenntnisleitende Interessen; „thematische Vorbilder“, Gerald Holton; „vorgängige Auswahl“ seit Platon (‚preselection’); Prioritäten, Ideologie) und Nutzen tauchen auf, aber auch des Bewusstseins des Forschers über seine Rolle und Position (Stellung), seines Problembewusstseins.
Empirische Sozialforschung und Theoriebildung sind verschiedene Stufen (Stadien) eines kontinuierlichen Prozesses: Wissenschaft schreitet ständig weiter (Fortschritt, und zwar nicht durch Veri-, sondern Falsifizierung (Popper-Kriterium: Prinzip der möglichen Widerlegung)), ist nie abgeschlossen (Dynamik der Erkenntnisse).
Theorien sind damit immer erst vorläufig gesichert, d. h. grundsätzlich spezifizierbar, modifizierbar, ja revidierbar (Karl Raimund Popper: Approximationstheorie). Es ist nur eine Annäherung an die Wahrheit möglich. Zudem besteht bei der Überprüfung das Risiko des „Scheitern an den Fakten“. Nicolai Hartmann formulierte 1921: „Die Grenze des Unbekannten wird verlegt.“
B) Zu jeder wissenschaftlichen Tätigkeit gehören:
I. a) Das Zusammentragen von Material (Datensammlung; Erhebung; Tatbestands-Aufnahme) Untersuchung des Werts des Materials:
b) Sichten des Materials; äusserlich: 1. Quellenkritik: Fragen der Chronologie, Echtheit (authenticité), Autorschaft (Zuschreibung) und Zusammenarbeit, Revision, usw. 2. Frage: Können andere Wissenschafter diese Beobachtungen (Materialsammlungen) wiederholen (Zuverlässigkeit, Reliabilität)? 3. Frage der Repräsentativität, Auswahl (sampling)
c) Feststellung der Relevanz des Materials; innerlich: 1. Wie präzise (véracité) sind die Beobachtungen (Aufzeichnungen)? 2. Genügen die Daten den Anforderungen des Problems, d. h. sind sie schlüssig (logische und empirische Gültigkeit, Validität)?
Hierbei ist wichtig: Fragestellung und Arbeitshypothesen (über den zu prüfenden Sachverhalt; also Aufstellung und Konstruktion eines Modells, das aus verbundenen Thesen besteht) sind genau zu formulieren:
Zudem sind bisherige Ergebnisse („allgemeine Orientierungen“; „Tradition des Wissens“) aufzuarbeiten. Es gehört mit zum Wesentlichsten, die Ausgangssituation (und die Voraussetzungen) in jedem Forschungsbereich genau zu kennen.
Weither gehört dazu: Ausarbeitung eines Fragen- und Problemkatalogs, Festlegung der Ziele und Prioritäten, sowie auf Grund der damit bestimmten Methode (= planmässiges Verfahren) Einsatz zieladäquater Techniken.
Der Wert des Materials hängt also - ausser von der
dokumentarischen Treue bei geschichtlichen Aufzeichnungen und
literaturkritischen Faktoren (Stil, Wortwahl, Ausdrucksform, usw.) - hauptsächlich von
II. d) systematische Bearbeitung, d. h. Analyse und Interpretation des Materials auf Grund von historischen, usw. Kenntnissen der Entstehungsbedingungen und des Zusammenhangs (von klimatischen, örtlichen, wirtschaftlichen bis kulturellen Einflüssen) zur Feststellung der Beziehungen zwischen dem geordneten Beobachtungsmaterial und den Ausgangshypothesen: 1. Ordnung und Kategorisieren oder Klassieren (= coding; Einteilung in Gattungen und Arten) anhand von Indikatoren, Unterscheidungs-Kriterien, Merkmalen (Skalierung) 2. Analyse (= combining) · Inhaltsanalyse (Bedeutungsanalyse) · Trend- oder Tendenzenfeststellung · Typisierung (anhand von Charakteristika) · Skalierung (Louis Guttmann, Paul Lazarsfeld) · statistische Auswertung (Quantifizieren, Messen, Zählen, Abschätzen und Berechnen von Grössen, Mengen, Häufigkeitsverteilungen, Korrelationen, Kovarianzen, usw.) · Faktorenanalyse (Charles Edward Spearman, Louis Leon Thurstone) · Soziometrie (Jacob Levy Moreno) · Ausdruckserfassung und projektive Methodik (Hans Thomae; psychologisch) · Verlaufsanalyse (Robert Heiss; psychologisch)
Am fruchtbarsten für die Forschung und Theoriebildung erweisen sich die Differentialdiagnose (Theodor Geiger; Kombination verschiedener Techniken auf das selbe Ziel hin) sowie der Vergleich und die interdisziplinäre Zusammenarbeit.
e) Zusammenfassung der Ergebnisse (Tendenz zu Vereinfachung und Vereinheitlichung: Formulierung theoretischer Sätze, straff, klar, prägnant) Generalisierung mit Korrelationsmethode (Erklärung, Interpretation, Spezifikation)
f) Vergleich mit bisher Ermitteltem; Untersuchung des Wertes (Bedeutsamkeit, Verbindlichkeit, Relevanz) des Ergebnisses und Prüfung auf Verwendungsmöglichkeiten (Publikation = Wissensübermittlung; social or human engineering, soziale Strategie; Aufstellung neuer Hypothesen).
Etwas vom Wesentlichsten ist bei aller Wissenschaft, dass andere Forscher wenn nicht die Sammlung, so doch Analyse und Interpretation des Materials nachvollziehen, wiederholen können.
Zudem: Die Reihenfolge a-f muss nicht chronologisch sein. Oft kommt späteres vorher oder manches gleichzeitig.
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